Beratung, Seelsorge, Coaching

Persönliche Biografiearbeit

Wir alle erleben wohl täglich Zwischenhalte. Zum Beispiel vor dem Schlafen. Wir schauen zurück «Was ist heute gelungen? Was hat mich ermutigt? Wo konnte ich jemanden ermutigen? Wo möchte ich mich versöhnen oder mich mit mir aussöhnen?»

Datum
1. März 2022

Seit langer Zeit gestalte ich biografische Zwischenzeiten. Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Bedürfnis, zurückzuschauen und das Vergangene zu verstehen und einzuordnen. Denn:

«Das Leben kann man nur in der Rückschau verstehen, aber leben muss man es vorwärts».

Kirkegaard

«Ja» zu der eigenen Geschichte

Wir wollen den Sinn unserer Geschichte begreifen. Mehr noch, wir wollen uns mit uns und unserer Geschichte aussöhnen, sie bejahen, wie es im Psalm 103 heisst: «Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.» Das Gute in unseren Leben ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk. Wir sollen danach schürfen wie nach Goldstaub. Das macht uns froh und lebendig.

Auch das Schwierige anschauen

Wir sollen uns aber auch mit uns selbst und dem Schwierigen auf unserem Weg aussöhnen. Anselm Grün zitiert in seinem Buch «Die hohe Kunst des Älterwerdens» einen älteren Mann: «Je älter ich werde, desto mehr lastet alles das, was ich nicht getan habe; wo ich versagt habe; mich versagt habe; aus Trägheit und Härte des Herzens, Machtgier, Egoismus. Wohl dem, der an einen Gott glaubt, den er demütig bitten kann: ‘Herr, verzeih mir!’”

Verletzlichkeit macht stark

Wir kommen nicht darum herum, dem Schwierigen und den Schwierigen zu verzeihen, wenn wir in den Frieden mit uns selbst kommen wollen. Brené Brown, die sich als Forscherin im Bereich der Scham einen Namen gemacht hat, schreibt in ihrem Buch «Verletzlichkeit macht stark»: «Wo wir hinschauen und die Verletzlichkeit zulassen, entsteht Mut zum Leben und Mut zum Wesentlichen». – Da gibt es keine Abkürzung. Es braucht Zeit. Wir sollen Schmerz und Wut zulassen, das Unfaire benennen. Es war so für uns. Es hat weh getan. Doch wir sollen nicht darum kreisen, es soll keine Macht mehr über uns haben. Wir lassen los, wenden uns der Gegenwart zu, lernen Neues und gehen mutig vorwärts.

Wo bin ich gerade dran?

Aktuell schaue ich als Frau an der Seite eines Leiters zurück. Wie habe ich diese Zeit erlebt und gestaltet? Viele Herausforderungen, die mit Wachstum und Sinnerfüllung verbunden waren, prägten diese Zeit. Beglückende Erlebnisse und Beziehungen machten mich reich. Wie füllte ich diesen Platz aus? Was habe ich versäumt und wo bin ich schuldig geworden? Wo möchte ich mich aussöhnen mit Menschen und der Institution, in der ich nun bald 29 Jahre arbeite?

Biografiarbeit praktisch

Ich habe meine Tagebuchseiten in zwei Spalten aufgeteilt: Links schreibe ich die hellen Erinnerungen auf, rechts die schmerzlichen. In Stichworten sammle ich Geschichten, Emotionen, Gerüche, Bilder – alles durcheinander, wie es gerade kommt. Die Spalten füllen sich mit Frohem und Schwierigem. Freude und Dankbarkeit breiten sich aus. Fragen, Zweifel und Wut steigen hoch. Tränen fliessen. Mein Mann und engste Freundinnen müssen sich einiges anhören. Das Leben kann man nur in der Rückschau verstehen, aber leben muss man es vorwärts.”

Mein persönliches Fazit

Im Dialog mit Gott gehe ich einen Weg. Ordne ein, einiges wird klarer, manches überhaupt nicht. Was ich nicht verstehe, überlasse ich meinem Schöpfer. Und da und dort kann ich mit seiner Hilfe etwas umdeuten:

«Vor 29 Jahren zogen wir als Pfarrehepaar mit vier kleinen Kindern von Davos in die Stiftung Gott hilft. Ich freute mich auf eine verbindliche Kommunität, wo man sich ergänzt, zusammenarbeitet und den Glauben teilt. Doch dem war nicht so, nicht für uns als Leiterfamilie. Im Gegenteil. Ich war frustriert und trauerte um das Verlorene. In Davos war ich sehr in den Auftrag des Pfarramtes integriert. Nun oft allein mit den Kindern und der Mann viel abwesend. Wer bin ich nun ohne Auftrag gegen aussen? Wo kann ich mich sinnstiftend einbringen? Es dauerte lange, bis ich ein Ja dazu finden konnte.

Rückblickend sehe ich zwei Schätze dieser Zeit. Das Glück des Mutterseins mit dem Herzen stellte sich ein. Fröhliche und unbelastete Jahre mit meinen Kindern und den Nachbarsfamilien auf dem Campus. Der zweite Schatz hiess “Heimat finden”. Meine Sehnsucht nach Heimat erfüllte sich damals und ist heute noch mein Schatz: Heimat in mir, Heimat in meiner Ehe und Familie und Heimat in Christus. Sogar die Stiftung Gott hilft wurde mir zur Heimat!»

Ziel der Biografiarbeit

Seiner Geschichte im kleinen oder grossen Bogen nachzugehen, ist eine spontane oder auch bewusste Beschäftigung mit dem bisherigen, persönlichen Leben. Sie hat das Ziel, sich am Guten zu erfreuen, die göttlichen Spuren im eigenen Leben zu sehen, sich mit dem Schwierigen auszusöhnen und in den Frieden zu kommen. Das macht Mut, weiterzugehen und Neues zu wagen.

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